Ausgeschlachtet | Eine Satire von Dirk Pohlmann



Eine Satire von Dirk Pohlmann.

Clemens Tönnies, Sigmar Gabriel und Philipp Amthor. An was denken Sie, wenn Sie diese Namen hören?

Sehen Sie, das ist ihr Neidkomplex. Sie sollten sich schämen. Da haben drei Männer hart gearbeitet, na gut, sie haben vielleicht auch etwas Schwein gehabt, aber Ihnen fällt nichts besseres ein, als das unter aller Sau zu finden. So geht das nicht.

Sie schreiben jetzt 14 Tage jeden Abend 100 mal „Leistung muss sich wieder lohnen“ in ihr Bundesgesinnungsheftchen, dann können wir vielleicht weiterreden. Die drei Männer wissen halt, wie der Hase läuft, sie bringen ihn gekonnt zur Strecke. Zwei von ihnen, Tönnies und Amthor, schießen ihn gerne über den Haufen. Sie sind Jäger.

Es handelt sich bei Gabriel, Amthor und Tönnies um drei Männer, die viel besser als Sie wissen, welchen tieferen Sinn das Wort „ausschlachten“ hat. Clemens Tönnies ist gelernter Metzger, wie es sein Vater war. Also jemand, der einst in einer Woche sieben Schweine schlachtete. Aber Clemens Tönnies war kein Handwerker wie sein Vater, er war zu Höherem geboren. Mit blutarmen Gewinnmargen wollte er sich nicht abgeben. Er wollte Schweine im großen Stil zur Sau machen. In einem Artikel in der Deutschen Jagdzeitung sagt er: „Wir schlachten 15 Millionen Schweine im Jahr. Und ich habe doch vor jedem einzelnen Tier Achtung.“ Sehen Sie, das ist staatsmännisch gedacht, so ähnlich sehen das auch militärische Oberbefehlshaber, wenn sie über ihr Kanonfutter reden. So geht Geistesadel!

Tönnis ist durch ein ausgeklügeltes System von Werkverträgen zu einem der reichsten Deutschen geworden. Einige Neider bezeichnen die Unterbringung von mehr als 8 osteuropäischen Billig-Arbeitern in verschimmelten 3 Zimmer Wohnungen als Sklaventreiberei. Nur, weil die überhöhte Miete vom Hungerlohn erst mal abgearbeitet werden muss? Dabei hat Tönnies vor jedem einzelnen Sklaven genau so viel Achtung wie vor seinen Schweinen! Und Gabriel wusste davon nichts, als er den Beraterjob bei Tönnies angenommen hat! Genauso wenig wie Sie! Oder wussten sie etwas? Dann hätten sie ja mal was sagen können. Sehen Sie, eigentlich sind Sie schuld an dem Elend! Wenn sie einmal im ZDF angerufen hätten, da wäre aber was los gewesen! Sie kennen ja den berühmten Satz: „Wenn das der Kleber wüsste!“

Einige ökologisch Bewegte meinen, dass die nicht artgerechte Haltung von Mensch und Tier dadurch verursacht würde, dass Fleisch zu billig sei. Nur wenn der Verkaufspreis beim Discounter stiege, könne sich die Käfighaltung für Schweine und Sklaven verbessern. Menschlichkeit und Tierwohl hätten halt ihren Preis. Klingt irgendwie plausibel, ist es aber nicht.

Tönnis, der 2011 noch 850 Millionen Euro besaß, nennt neun Jahre später mehr als 2 Milliarden Euro sein eigen. Die Massen -Tier und -Menschhaltung hat Tönnies saumäßig viel Geld in die Privatschatulle gespült. Würde man den Preis erhöhen, gäbe es einfach noch mehr Gewinn für Tönnies. Geldmangel war es nicht, der seinen Blick auf das Gemeinwohl getrübt hat. Vielleicht sollte man den Tierfreunden erklären, wie Kapitalismus funktioniert. Ein Vorstand oder Geschäftsführer eines Fleisch-Großunternehmens, der sein blutendes, soziales Herz und sein schlechtes Gewissen durch höhere Löhne und größere Ställe für die armen Schweine besänftigte, egal ob Arbeiter oder Tiere, würde nicht lange im Amt bleiben. Jeder Manager wird Sie gerne ausgiebig darüber belehren, dass es im Wirtschaftsleben immer ums Ausschlachten, immer um die Wurst geht. Weil: Die Konkurrenz. Die Globalisierung. Die Steuern. Nur der Stärkste überlebt. Ist halt so. Das Leben ist kein Ponyhof, sondern ein Haifischbecken.

Fressen oder gefressen werden. Clemens Tönnies hat das grausame Gesetz der Natur begriffen. Deswegen tötet er. Nicht nur Hirsche und Steinböcke, sondern auch Geparden, Elefanten oder anderes Großgetier in Afrika. Vielleicht, um seinen Geschäftspartnern zu beweisen, dass er nicht nur als Fleischmogul an der Spitze der Nahrungspyramide steht. Vielleicht ist das auch der Grund, dass Staatsoberhäupter aller Coleur ihre Gäste so gerne zur Jagd laden. Die Knarre in der Hand ist eine ständige Erinnerung, dass der Gastgeber die Macht der Entscheidung über Leben und Tod hat. Dass es ein Akt der Gnade ist, wenn neben der Wildschweinstrecke nicht auch der Jagdgast mit einem Zweig im Mund daliegt – Man könnte auch anders!

Tönnies war auch Vorsitzender des Aufsichtsrates von Schalke 04. Dieser Posten ist doch ein glasklarer Beweis, dass Clemens Tönnies immer noch einer von uns ist. Sie mögen Fußball, er mag Fußball. Nur: Tönnies ist eben ein geborener Anführer. Der Mann ist äußerst nervenstark, traditionsverbunden und doch modern, wo es am Platz ist. Wenigstens nach Angaben der ihm zu Füßen liegenden Jagdzeitung, die weiß, wie man mit einem Fleischmogul redet. Möglicherweise liegt sie ihm aber doch nur zu Füßen, weil sie auf der eigenen Schleimspur ausgerutscht ist.

„Jagdfieber kenne ich nicht – selbst bei starkem Wild. Das ist eben so“, sagt er.

Jagdkultur ist dem Jäger wichtig. Aber wichtiger ist für den Fachmann der korrekte Umgang mit dem Wildbret. Ihm sei zeitnahes, sauberes Aufbrechen wichtiger, als überholte Rituale: „Wir sprechen hier von hochwertigen Lebensmitteln. Das Aufbrechen muss immer so geschehen, dass Wildbret nicht kontaminiert werden kann.“ Zudem sei er nicht der Typ für übertriebene Gesten: „Ich schlafe nicht in grüner Unterwäsche und melde auch nicht das Nasenbluten meines Gegenübers mit ,Herr Oberförster schweißen aus dem Windfang’. Ohne mich!“

Wow, das musste mal gesagt werden, aber nicht jeder hat den Mut dazu, sich so gegen den Zeitgeist zu stellen. Tönnies hat starke Überzeugungen, er glaubt nicht an überholte Rituale, aber an hurtiges Aufbrechen des Wildes und er begegnet dem Oberförster auf Windfanghöhe. Mit anderen Worten: Er ist ein Milliardär wie Du und ich.

Dagegen ist Philipp Amthor, der ewige Konfirmand, nur ein Lehrling mit Hang zum Zweitverdienst. Gut, er ist auch Jäger, beweist also den nötigen Killerinstinkt, der ist in der Politik unverzichtbar, aber rein optisch ist sein Rambo-Image ausbaufähig. Bin ich der einzige, den Amthor an den Klassenstreber erinnert, der nie jemand abschreiben ließ? Irgendwie ist er so verstörend Sixties, das man lieber nicht wissen will, was bei einer Razzia alles in seinem Keller zu finden wäre. Außer pfundweise Optionsscheine von Augustus Intelligence, natürlich. Amthor gibt nicht nur den Oberförster, er tut das auch heimat- und schwiegermutterkompatibel: Ich bin klein, mein Herz ist rein, drum wähl auch Du die CDU.

Gabriel hingegen, das sozialdemokratische Urgestein, weiß besser als jeder Hase, wie der Hase läuft und schießt deswegen nicht selber, sondern lässt schießen. Das ist die hohe Kunst des zur Sau machens. Er ist mehr der Mann für den Feldherrnhügel. Der ehemalige Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, so ein Fehler kann ja jedem mal passieren, ist jetzt endlich zu Hause angekommen. Er ist Vorsitzender der Atlantikbrücke, Mitglied der Trilateralen Kommission und des European Council on Foreign Relations. Er ist von links unten nach rechts oben aufgestiegen. Das ist die Bewegungsrichtung von guten Geschäftsgrafiken und soliden Politikerkarrieren. Fragen Sie einfach mal Joschka Fischer!

Moment, was denken Sie denn jetzt schon wieder! Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten? Vorsicht! Nur weil Gabriel jetzt ständig mit Leuten zu tun hat, die zum Beispiel Gaddafi mit dem Bajonett pfählen ließen? Sie finden das wenig waidgerecht? Sind Sie etwa Jäger? Genau, sind Sie nicht. Aber Sie urteilen über Sigmar, Clemens und Philipp. Wissen Sie denn, ob Gabriel die Nachricht vom Abschlachten des libyschen Staatsoberhauptes mit blutendem sozialdemokratischem Herz vernahm, oder feixend wie die Demokratin Hillary Clinton? Warum wollen Sie nur immer das Schlechte sehen? Warum bemerken Sie nicht, dass hier zusammenwächst, was zusammengehört?

Vielleicht könnten ja Amthor, Tönnies und Gabriel sogar eine neue Partei gründen? Die könnte zum Beispiel „Aufstand der Anständigen“ heißen. Ich schlage außerdem ein eigenes TV Format im ZDF vor, da erreicht man die Kukident Fraktion, und in YouTube findet die flotte, bürgernahe Combo dann die taufrische Jugend unter 50. Nice!

In einer ersten PR Kampagne verlosen die 3 Vollblut-Politiker dann monatlich jeweils 100 Euro an eine Rentnerin in Not, die zur Übergabe ins Studio eingeladen wird und sich bedanken darf, während Clemens Tönnies den Hunni zeitnah signiert. Close up auf die Tränen des Dankes! Und im Printsektor gibt es auch eine BILD Kolumne für die drei: „Wir kämpfen gegen Altersarmut“.

Mit dem Honorar für das TV Spektakel könnten Amthor, Gabriel und Tönnies dann zusammen auf Großwildjagd gehen, Nashörner killen. Natürlich ohne Zuschauer. Die würden ansonsten gleich waidgerecht mit den Nashörnern erlegt, falls es trotz der Sicherheitskräfte von Blackwater Zuschauer gäbe. Die Security kann der Gabriel besorgen, er hat da Verbindungen.

Das wäre doch ein echtes Gesamtkunstwerk. Was haben sie jetzt schon wieder zu meckern? Wie bitte? Das ist doch wirklich das letzte. Nein, das ist kein Schweinesystem, das ist ein Gesamtkunstwerk.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: Shutterstock / Davdeka


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