Die Impfbereitschaft gegen das Coronavirus sinkt

 


Nur noch 61 Prozent der Menschen in Deutschland wollen sich einer Studie zufolge gegen das Coronavirus impfen lassen. In Bayern gibt es besonders viele Impfgegner.

Von Kristiana Ludwig, Düsseldorf

Die Bereitschaft, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, ist in den vergangenen Monaten in der Bevölkerung gesunken - nicht nur in Deutschland, sondern in mehreren europäischen Ländern. Das ist das Ergebnis einer Umfrage in sieben europäischen Ländern mit jeweils mehr als 7000 Befragten im April und im Juni dieses Jahres, welches der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Forscher der Universität Hamburg hatten für diese Untersuchung mit Hochschulen in Portugal, Italien und den Niederlanden kooperiert.

Während im April noch 74 Prozent der Befragten aus Portugal, Frankreich, Italien, Niederlande, Dänemark, Großbritannien und Deutschland bereit gewesen seien, sich gegen Covid-19 zu impfen, waren es im vergangenen Monat nur noch 68 Prozent. In Deutschland sank der Anteil der Befürworter in den vergangenen drei Monaten von 70 auf 61 Prozent der Menschen. Besonders gering sei die Bereitschaft der Untersuchung zufolge in Bayern. Hier würden lediglich 52 Prozent der Menschen einen neuen Impfstoff nutzen. Im regionalen Vergleich wären dagegen in Norddeutschland die meisten Befragten zu einer Immunisierung bereit, nämlich 67 Prozent. Ein Ost-West-Gefälle gibt es der Studie zufolge in der Impffrage nicht.

Der Leiter des Hamburg Center for Health Economics an der Universität Hamburg, Jonas Schreyögg, der die Bundesregierung auch als Mitglied des Sachverständigenrats für Gesundheit berät, sagt, dass es laut der Untersuchung allerdings nur wenige Menschen gebe, die einen Impfstoff generell ablehnen. "Diese Personen sind nicht das Problem", sagt er: Ein substanzieller Anteil derjenigen, die sich derzeit nicht impfen lassen wollen oder unsicher sind, würden als Begründung die Angst vor Nebenwirkungen oder Unklarheit zur Sicherheit des Impfstoffes nennen. "Positiv gesprochen heißt das, wenn es uns gelingt, durch Transparenz bei der Prüfung und Zulassung der Impfstoffe sowie mit öffentlichen Aufklärungskampagnen diesen Personen mehr Sicherheit zu geben, und sie zu überzeugen, könnte die Impfbereitschaft deutlich erhöht werden", sagt er.

4000 Menschen wollen an Impfstudie in Tübingen teilnehmen

Schreyögg empfiehlt, dass Politik und Wissenschaft bereits jetzt mit diesen Kampagnen beginnen sollten. Für Bürger sei es "sehr schwierig", sich ausführlich über die Sicherheit und Nebenwirkungen von Impfstoffen zu informieren". Besonders wichtig erscheint es ihm, Frauen zu überzeugen. Sie seien "über alle Altersgruppen hinweg unsicherer bezüglich der Impfentscheidung".

Weniger überraschend ist dagegen, dass in allen sieben Ländern diejenigen eher zu einer Impfung bereit sind, die mit Älteren, chronisch Kranken oder Menschen mit Behinderungen in einem Haushalt leben - mit Menschen also, die ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Aufgrund seiner Erkenntnisse warnt Schreyögg vor der Vorstellung, dass die Pandemie vorbei sei, sobald es einen Impfstoff gebe. "Selbst wenn es gelingt, einen sehr effektiven Impfstoff zu entwickeln, heißt dies nicht, dass wir schnell eine Herdenimmunität haben", sagt er. "Ähnlich wie beim jährlichen Grippeimpfstoff" könnte auch die Corona-Impfung " in höheren Altersstufen weniger effektiv" sein.

Wobei es auch Entwicklungen gibt, die mehr Hoffnung machen: Die Tübinger Uniklinik erlebt gerade einen Ansturm von Freiwilligen, die an der Erprobung eines Impfstoffs der Firma Curevac teilnehmen wollen. 4000 Menschen hätten sich gemeldet, sagt Studienleiter Peter Kremsner: "Wir sind in einer Luxuslage wie noch bei keiner klinischen Studie. Sonst müssen wir um Probanden ringen".

Die Hamburger Forscher haben sich bei ihrer Befragung auch erkundigt, wer künftig darüber entscheiden sollte, welche Menschen zuerst einen Corona-Impfstoff erhalten sollen. Sowohl in Deutschland als auch in anderen europäischen Ländern fand eine Idee die größte Zustimmung: dass Ärzte und Krankenhäuser das entscheiden.


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